Samuell Hahnemann 1755 - 1843  
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Was kann die Homöopathie zur Gesundung tun?
Wo und warum kommt Sie an Ihre Grenzen?


Der Heilungsverlauf und die Grenzen der Homöopathie

von Susanne Hohlfeld

Unser Foto zeigt Autorin Susanne Hohlfeld (2. von Ii.) bei einem Besuch von Alternativ-Nobelpreisträger Georgos Vithoulkas (re.) in ihrer Praxis im August-Weihe-Institut für Homöopathische Medizin. „Eingerahmt“ wird sie von Arztkollegin Dr. Veronika Rampold (li.) (‚MINDMAT“) und dem Leiter des Instituts, Dr. Gotthard Behnisch (re.). Frau Hohlfeld, die jetzt in Bayreuth als homöopathische Ärztin praktiziert, war während ihrer „Detmolder Zeit“ auch in der ärztlichen Weiterbildung tätig. Auch mit ihren Vorträgen zur Einführung in die Homöopathie fand sie ein stets dankbares Publikum. Aus einem dieser Vorträge resultiert der vorstehende
Text.
Foto: HO-aktuell/Temme

Redaktionelle Vorbemerkung: Der nachstehende Beitrag resultiert aus einer Vortragsreihe der Deutschen Gesellschaft zur Förderung naturgesetzlichen Heilens e. V. Der Vortragstext wurde im Wesentlichen beibehalten.

Was verstehen wir unter „Heilungsverlauf“? In diesem Begriff steckt das Wort „Heilung“. „Heilung“ vom Kranksein nennen wir „Gesundheit“. Aber was ist überhaupt Heilung, was ist Gesundheit, was Krankheit? Das sind Fragen, die sich viele stellen und auf die es sehr viele verschiedene Antworten gibt, über die wir lange und ausführlich diskutieren könnten. Auch wenn es ein schwieriges Thema ist und es Begriffe sind, für die wir keine endgültige Definition finden werden, sind es trotzdem Fragen, die sich jeder Arzt/jede Ärztin stellen muß, und zwar deshalb, weil von der Beantwortung dieser Fragen abhängt, wohin ich mit meinem Bemühen als Therapeut/in überhaupt gehe.

Was kann ich erwarten von dem, was ich als Behandler unternehme, d. h. auf welche Weise sehe ich den Menschen, was für Hoffnungen habe ich in Bezug auf seine Möglichkeiten, sich auszudrücken, sich und die Welt zu erleben, sich darzustellen, sich zu entwickeln?

Die eigentliche Frage ist: Wozu ist der Mensch im bestmöglichen Fall geboren und was hindert ihn daran, das Eigentliche in seinem Leben zu verwirklichen?

Für mich habe ich folgende Antwort gefunden:

Gesundheit ist ein höchstes Maß an innerer Freiheit zur individuellen Kreativität in allen seinen menschlichen Äußerungen. Das ist natürlich sehr weit gefaßt. Aber nehmen wir das als Ausgangspunkt.

Was ist eigentlich gemeint, wenn ich krank bin? In welcher Weise bin ich eingeschränkt? Was bedeutet Krankheit letztendlich für mich? Ist es nur der Schmerz am kleinen Finger oder wie weit geht das? Von diesen Fragen hängt ab, wie ich einen Heilungsverlauf oder einen Behandlungsverlauf beurteile und was ich für denjenigen tun kann. Der Umkehrschluß lautet:
Alles, was uns daran hindert, kreativ, lebendig zu sein, uns zu entwickeln, zu reifen, hat letztendlich im weitesten Sinne etwas mit Einschränkung, mit Krankheit zu tun.

Wie weit kann Einschränkung gehen? Wenn ich mir z.B. das Bein gebrochen habe, bin ich eingeschränkt, weil ich nicht laufen kann. Diese Einschränkung geht nicht sehr weit: Ich weiß, daß das Bein wieder heil wird und ich irgendwann wieder damit gehen kann. Der Beinbruch
schränkt zwar beim Laufen ein, ich kann aber weiterhin fühlen und denken.

Wenn ich auf der emotionalen Ebene krank bin, z. B. eine schwere Depression habe, bin ich freudlos und ohne Energie. Ich bin in meinem Lebendigsein, in dem, was ich eigentlich tun will, was ich mir vorstelle, eingeschränkt. Oder der geistigen Ebene: Wenn ich in einem geistigen Verwirrtheitszustand bin, ist die Einschränkung meiner inneren Freiheit noch größer. Es geht gar nichts mehr! Ich muß betreut werden oder werde sogar eingesperrt.

Also: Je größer meine innere Freiheit, je größer meine Möglichkeiten, mich auszudrücken, desto gesünder bin ich als gesamter Mensch.

Unsere Frage ist: Was kann die Homöopathie zur Gesundung tun? Wo und warum kommt sie an ihre Grenzen, diesen Zustand der Vollgesundheit zu erreichen oder in die Nähe eines solchen Zustandes zu kommen? Dazu will ich einige Denkanstöße geben.

Um die komplexen Vorgänge, die im Menschen stattfinden, überhaupt verstehen zu können, brauchen wir Modelle, Vereinfachungen, Bilder, die diese ganze Komplexität erfassen, damit wir uns nicht in den Details verlieren. An solchen Bildern und Strukturen können wir uns orientieren und darüber miteinander sprechen. Modelle, Vorstellungen und Bilder bleiben meist subjektiv. D.h., das Modell, das ich Ihnen vorstelle, ist eine Möglichkeit, die Dinge darzustellen. Es gibt sicher andere Ansätze und Darstellungen.

Jeder Homöopath geht davon aus, daß der Mensch ein Ganzes ist, daß alles, was uns ausmacht als Menschen miteinander verbunden ist und in Wechselwirkung zueinander steht. Was für eine Energie die verschiedenen Teile und Regionen des Menschen miteinander verbindet und am Leben erhält, nannte Hahnemann Lebenskraft.

Was ist eigentlich krank?

z.B. Kopfschmerzen

Dieser Begriff spielt in der Homöopathie eine große Rolle: Es gibt etwas, das wir nicht sehen können, was uns aber energetisch als Mensch zusammenhält. Und das Spannende ist nun die Frage: Was ist eigentlich krank? Wenn ich Kopfschmerzen habe, ist dann wirklich nur mein Kopf krank? Wenn ich den Ansatz habe, daß alles miteinander zusammenhängt, dann muß es eine weitgehendere Antwort darauf geben. Am Kopf spüre ich nur, daß ich krank bin.

Wenn wir Hahnemanns Vorstellungen folgen, dann ist zu allererst die Lebenskraft verstimmt, in ein Ungleichgewicht gekommen.

Die Lebenskraft drückt ihr Ungleichgewicht durch die Symptome aus, die wir als Mensch dann fühlen. Die Symptome sind letztendlich peripher. Zuerst ist aber ein Ungleichgewicht, viel umfassender, zentraler, entscheidender.

Diese Kraft nehmen wir nur mittelbar wahr.

Wenn ich gesund bin, lasse ich Wohlbefinden erkennen, und wenn ich krank bin, zeigt sich das an bestimmten Symptomen. Wenn ich dieses Symptom jetzt unterdrückend wegnehme, habe ich die eigentliche Ursache, die Verstimmung der Lebenskraft, überhaupt nicht verändert

Die weiterhin verstimmte Lebenskraft wird sich lediglich einen anderen Ort suchen, an dem sie sich wieder ausdrücken kann. Das kann immer so weiter gehen, bis sie überhaupt keine Kraft mehr hat. Der Kranke bricht zusammen.

Je tiefgreifender das Ungleichgewicht oder die Störung, die Schwäche der Lebenskraft ist, desto schwerwiegender werden auch die sichtoder fühlbaren Symptome sein, die der Mensch hervorbringt. Wenn die Lebenskraft nur in einem kleinen Ungleichgewicht ist, spüre ich vielleicht nichts weiter als schlechte Laune, oder ein Hühnerauge am linken Kleinzeh. Das würden wir vielleicht noch nicht als krank bezeichnen, aber es schränkt mich schon ein. Da ist noch nicht tiefgreifend eine Schwäche entstanden. Je tiefer, je schwächer, je beeinträchtigter aber die Lebenskraft ist, desto gravierender werden die Symptome.

Machen wir einen Sprung

Auch wenn wir davon ausgehen, daß alles ein Ganzes ist und miteinander zusammenhängt, teilen wir es einmal, ziehen wir es auseinander, einfach aus dem Bedürfnis heraus, eine Struktur zu bilden, die mir im konkreten Fall hilft, klar sehen oder die Dinge voneinander unterscheiden zu können. Strukturieren wir den Menschen also hierarchisch, d. h. benutzen wir ein Bild, z.B. einer Pyramide: Die Basis, das, was ganz unten liegt, was natürlich sehr wichtig ist, aber was das Peripherste ist, ist der physische Körper. Der physische Körper ist auch hierarchisiert, und zwar sind Haut oder Muskeln „weniger wichtige“ Organe als die paarig angelegten. Wir haben zwei Nieren; wenn ich eine Niere wegschneide, kann ich weiterleben mit einer Niere. Höher in der Hierarchie stehen die Einzelorgane wie Leber, Herz, Gehirn, wobei das Gehirn am höchsten steht. Es gibt also „wichtigere“ und „unwichtigere“ Strukturen.

Darüber siedeln wir den emotionalen Organismus, die seelische Ebene an. Je höher die Störung vorankommt, je wichtigere und zentralere Bereiche ergriffen werden, desto mehr wird der Kranke auch in seiner inneren Freiheit eingeschränkt.

Emotional gibt es auch wieder Hierarchien. Wenn der emotionale Bereich leicht betroffen ist, dann besteht vielleicht eine Reizbarkeit, eine schwerere Schädigung ruft Ängste hervor. Schließlich schreitet die Krankheit fort zu schwerer Depression oder Suizidialität.

Über der emotionalen Ebene steht der Geist, die geistige Ebene, das geistige Vermögen. Eine so weit gehende Störung kann zuerst eine leichte Gedächtnisstörung, eine Verwirrung, schließlich eine Psychose oder Demenz hervorrufen. Auch hier zeigt sich eine hierarchische Struktur: Von leichter bis hin zu schwerster Störung.

Wenn ich auf der untersten Ebene erkrankt bin, hat das eine andere Bedeutung für mich als Mensch, als wenn ich bis hin in die oberste Ebene leide. Für den Verlauf meiner Behandlung hat das natürlich eine große Bedeutung! D. h., wenn jemand zur Behandlung kommt, beurteile ich den Schweregrad seiner Erkrankung danach, auf welcher Ebene er wirklich krank ist. Ist es nur der Kopf, die Migräne? Oder sind auch noch andere Bereiche oder Teile miterkrankt? Dabei hilft mir dieses Modell, obwohl ich selbstverständlich weiß, daß alles miteinander verbunden ist. Wenn ich eine Geisteserkrankung habe, ist natürlich mein physischer Organismus immer beteiligt.


Heilung verläuft von innen nach außen und von oben nach unten

Es gibt eine Regel in der Homöopathie, die uns die Erfahrung gelehrt hat: Wenn es zu einer Heilung kommt, also wenn der Verlauf meiner Behandlung Richtung Heilung läuft, dann gehen die Veränderungen von innen nach außen und von oben nach unten.

Von innen nach außen bedeutet, wenn ich auf der physischen Ebene bleibe: Ein inneres Organ ist erkrankt, ich habe z.B. eine chronische Nierenbeckenentzündung. Wenn der Behandlungsverlauf günstig ist, dann wird man in vielen Fällen sehen, daß von dem inneren Organ die Erkrankung Stück für Stück weiter rausgeht, z.B. von der Nierenbeckenentzündung zur Blasenentzündung, und u. U. dann auf die Vulva übergehend ein Hautausschlag entsteht. Von einem inneren wichtigen Organ zu einer äußeren Struktur, die immer Stück für Stück „unwichtiger“ wird. Wobei es sein kann, daß der juckende Hautausschlag der Genitalen furchtbar schwer zu ertragen und schrecklich ist. Trotzdem ist dieser Zustand ein weniger bedrohlicher und ein schon viel besserer auf dieser Ebene, als die wiederkehrenden Nierenbeckenentzündungen.

Das ist auf jeder Ebene so: Wenn ich auf der emotionalen Ebene krank bin, z. B. eine schwere Depression habe, und die Behandlung in eine gute Richtung geht, daß ich entweder plötzlich wieder morgens aufstehen kann, wieder anfange, etwas zu fühlen, dafür aber plötzlich furchtbare Angste bekomme. Die Angste sind ohne Frage schrecklich, aber wenn ich Angste habe, bin ich ein Mensch, der empfindet, der fühlt, der etwas mitbekommt. Wenn ich in der tiefen Depression bin, bin ich fast tot, dann empfinde ich überhaupt nichts mehr und kann an nichts mehr Freude haben. Wenn die Behandlung weitergeht, verschwinden die Angste, und vielleicht kommt nach den Angsten eine furchtbare Reizbarkeit oder Wut, die ich jahrelang unterdrückt habe. Wenn ich als Arzt diesen Zustand der Wut bei dem Patienten beobachte, und nicht weiß, wie es verlaufen kann, dann sage ich: „Um Gottes Willen, was habe ich hier angerichtet?“, und gehe vielleicht von dem Weg, der zu einem guten Punkt hätte kommen können, weil ich Angst habe vor der Wut. Dazu ist es wichtig, sich klarzumachen, was ich von einem Heilungsverlauf, von einer Heilung erwarten kann.

Schwer zu verstehen:
Gesünder, obwohl ich andauernd mit Fieber im Bett liege?

Wenn ich eine emotionale Erkrankung behandele, kann es sein, daß es plötzlich psychisch, seelisch besser geht; derjenige aber anfängt, permanent eine Bronchitis zu bekommen oder irgend etwas anderes im körperlichen Bereich. Das ist eine schwierige Situation für den Patienten, der das natürlich nicht weiß. Es ist für ihn sehr schwer zu verstehen, wieso er jetzt gesünder sein soll, wo er doch andauernd mit Fieber im Bett liegt. Die Erfahrung zeigt uns immer wieder, wenn sich psychische Zustände unter der Behandlung bessern, vergessen die Patienten rasch, wie krank sie einmal waren. Der Zustand der Depression ist so schrecklich, daß ihn jeder vergessen möchte. Und wenn es einem besser geht, nimmt er dieses Bessergehen als normal an und mißt alles weitere an dem jetzigen Befinden.

Hier entsteht der Druck auf uns Behandler:
„Machen Sie mich gesund, es ist ja furchtbar; jetzt bin ich andauernd krank, ich bin ja noch kränker als vorher!“ Wenn ich als Behandler jetzt nicht weiß bzw. nicht beurteilen kann, was es für eine Richtung nimmt und was ich erwarten kann, und was diese Krankheitsentwicklung bedeutet, dann lasse ich mich verführen. Natürlich möchte ich als Behandler auch, daß das weggeht. Und dann passiert der Fehler, indem ich zu schnell weggehe von dem Mittel, und versuche, symptomatisch rasch etwas zu beseitigen.

Letztendlich ist es meine Pflicht als Behandler, an dieser Stelle den Patienten darüber aufzuklären, daß er durch sein Bewußtsein, seine Erkenntnis über dies in der Lage ist, diese Dinge durchzustehen, so schwer sie auch manchmal sind, oder so lang sie manchmal anhalten.


Heilungsverlauf

z.B. Neurodermitis

Ein weiteres Beispiel: Wenn jemand eine Neurodermitis am Kopf und im Gesicht hat, und der Hautausschlag geht unter der Behandlung aus dem Gesicht heraus, und beginnen jetzt an den Armen und am Rumpf, dann weiß ich als Behandler, es ist die richtige Richtung. Selbst wenn die Neurodermitis am Körper viel schlimmer und großflächiger ist, als sie es am Kopf je war. Das mag eine lange Zeit dauern, dann aber Stück für Stück verschwinden und über die Füße schließlich vollständig abheilen.

Umgekehrt: Wenn ich einen Hautausschlag behandle, der an Händen und Unterarmen oder Armbeugen stark ist, und es wird wunderbar besser, doch plötzlich beginnt es am Hals und am Kopf, dann weiß ich, daß ich einen Fehler gemacht habe, auch wenn der Patient sagt: „Das bißchen, was ich jetzt am Kopf habe, ist nicht so schlimm. Ich finde es ja toll, daß meine Hände frei sind.“ Aber das ist unter Umständen eben die falsche Richtung. Es kann eine ganze Weile gut gehen; doch plötzlich „explodieren“, und die Neurodermitis wieder überall erscheinen.


Soweit der Artikel, nachzulesen in Homöopathie-aktuell Ausgabe 4/2001 Seite 6-9.

Nachfolgend die weiteren Zwischenüberschriften des Artikels in der Übersicht

 

Die Konstitution:
Was ist das eigentlich?

Der nächste Komplex: die Konstitutuion ...

... Vitholkas hat dazu folgendes Modell entwickelt ...

Die Erstverschlimmerung

Ein extremes Beispiel

Der Patient muß verstehen, was das bedeutet

Da gibt es Spielräume, die wir nutzen können. Das sehen wir jeden Tag!

In den meisten Fällen müssen wir kämpfen, ringen ...

Nochmal ganz neu hinsehen ...

Ich brauche Symptome

Das große Feld der Heilungshindernisse

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