von Dr. med. Gerhardus Lang In den letzten zwei Jahren habe ich in meinen Darstellungen homöopathischer Arzneimittel immer wieder auf Dr. Sehgal aus Indien hingewiesen. In der Ausgabe Nr. 4/2000 von HOMÖOPATHIE-aktuell waren drei Ankündigungen von Fortbildungsveranstaltungen, die die Sehgal-Methode ankündigten. Es ist deshalb sicher von Interesse, etwas mehr darüber zu hören. Dr. M. L. Sehgal ist jetzt über 70 Jahre alt. Er praktiziert in Neu Delhi und hat zwei Söhne, die ebenfalls als Ärzte nach seiner Methode arbeiten. Ende der 70iger Jahre machte er die Entdeckung, daß schwierige Fälle chronischer Malaria nur dadurch einer homöopathischen Behandlung zugänglich waren, indem er ausschließlich die Geist-/Gemütssymptome des Kranken verwendete, um das angezeigte Mittel sicher zu bestimmen. In einem Brief an einen Freund - Text aus Band 2 der inzwischen in deutsch erschienenen Werke von Sehgal aus einem Brief an einen Freund (1986) - schildert er selbst, wie er auf die Idee kam: Es macht mir große Freude, durch Ihren Brief zu erfahren, daß Sie ein großes Interesse an der Neuentdeckung haben. Lassen Sie mich damit anfangen, Ihre Fragen zu beantworten. Wie ich die neue Methode entdeckt habe und wie das erste Stadium ihrer Erforschung war. Ich hatte einige Fälle verschiedener chronischer Erkrankungen in Behandlung, die zwar befriedigende Fortschritte machten, aber immer wieder von Malaria-Fieber unterbrochen wurden. Die Patienten mußten immer wieder gewöhnliches Chinin einnehmen, was die endgültige Heilung behinderte. Ich konnte es nicht einsehen, daß ein Verfahren, das auf den verschiedensten Ebenen Wunder vollbrachte, bei der Heilung von Malaria-Fieber versagte. Ich hatte den Eindruck, daß die Heilungen, die diesem Verfahren so emphatisch beigemessen werden, vielleicht glückliche Treffer waren und keinem Gesetz folgen, welches Fertigkeiten voraussetzt. Aber Entdeckungen sind Glücksfälle, dessen sind wir uns bewußt, und als solche sind sie Gottesgeschenke. Dieses genau hat sich in meinem Fall zugetragen. Ein Junge von zehn Jahren bekam hohes Wechselfieber. Außer, daß er während des Fiebers in eine Art Stupor verfiel, gab es keinerlei körperliches oder Geist-/Gemütssymptom. Helleborus niger, Opium, Stramonium, die Mittel für Schmerzlosigkeit bei Beschwerden, versagten. Wie geht es Dir? Wenn ihm diese Frage gestellt wurde, ob im Fieberzustand oder zu anderer Zeit, war seine Antwort, ihm ginge es gut. Fast die ganze Zeit wollte er im Bett bleiben. Es gab von seiner Seite absolut keine Beschwerde. Im allgemeinen war ich gewohnt, das Kapitel Geist/Gemüt im Repertorium auf einige wenige Rubriken begrenzt zu benutzen, z.B. GESUND zu sein, behauptet trotz schwerer Krankheit (Well, says he is, when very sick); WEINEN, erzählt, wenn sie von ihrer Krankheit (Weeping, telling of her sickness, when); ERWARTUNGSSPANNUNG, Beschwerden durch (Anticipation, complaints from; etc. Der in Frage kommende Fall schuf ein Muß und gab mir die Gelegenheit, mein Wissensfeld zu erweitern. GLEICHGÜLTIGKEIT, klagt nicht (Indifference, complain does not); BETT bleiben, möchte im (Bed remain in, desires to); GESUND zu sein, behauptet trotz schwerer Krankheit (Well, says he is, when very sick), waren die Rubriken, die mir in den Sinn kamen. Nachdem ich diese notiert hatte, war Hyoscyamus angezeigt, das in der C 30 verabreicht wurde und erstaunliche Resultate hervorbrachte. Der Junge genas innerhalb einer Woche, nachdem er noch zwei bis drei mildere Fieberattacken hatte. Am Ende der letzten Attacke hatte er losen Stuhigang. Fünfmal am ersten Tag, dreimal am zweiten Tag und einmal am dritten Tag. Das Fieber kehrte danach nicht wieder. Dadurch ermutigt entschloß ich mich, nach derselben Methode seinem Vater etwas zu verordnen. Er litt seit vielen Jahren an anhaltendem Malaria-Fieber. Zuerst verordnete ich Nux vomica C 200 aufgrund folgender körperlicher und mentaler Symptome:
Aber es konnte den Anfall nicht abwenden. Der Patient sagte: Es tut mir leid, ich habe keine Hoffnung, durch Ihre Medizin gesund zu werden. Ich werde Chinin nehmen, die kommenden Tage im Bett bleiben und nicht ins Büro gehen. Aufgrund von nur zwei Rubriken, nämlich BETT bleiben, möchte im (Bed remain in, desires to) und VERZWEIFLUNG, an der Genesung (Despair, recovery of), wurde Psorinum C 200 verordnet. Bald nach der Mitteigabe verschwanden die oben genannten mentalen Symptome. Das Fieber kam am dritten Tag wieder, aber ohne viel Unannehmhichkeit. Bei seinem nächsten und letzten Besuch war der chronische Ausfluß aus der Nase verschlimmert und verschwand dann nach einiger Zeit. Ein weiterer Fall von Malaria-Fieber aus derselben Familie war der dritte, an dem ich mich mit dieser neuen Methode versuchte. Ein Mädchen von zehn Jahren, die Beste in ihrer Klasse, bekam Wechselfieber an jedem zweiten Tag. Ihre Mutter, eine Asthma-bronchiale-Patientin, die bei mir in Behandlung war, erzählte den Fall des Mädchens, als dieses zu mir gebracht wurde. Das Mädchen unterbrach und platzte mit einer Stimme voller Schrecken heraus: Doktor, bitte entschuldigen Sie. Ich kann diese Art Folter nicht aushalten, an die meine Mutter gewöhnt ist. Ich wundere mich, wie sie das aushalten kann, was Sie als Verschlimmerung bezeichnen, und außerdem weiß jeder, wie schlimm die knochenbrechenden Schmerzen bei Malaria sind. Weiter fügte sie hinzu: Ich würde die Beschwerden gern so bald wie möglich los sein, weil ich eine Klassenkameradin habe, die die einzige Konkurrenz für mich ist, deshalb möchte ich keine Stunde in der Schule versäumen. Ich kann es nicht aushalten, daß sie mich übertrifft. Aber sie vergißt alles andere, wenn jemand ihrer Wahl zu ihr kommt und sich ihr zur Unterhaltung zur Verfügung stellt, intervenierte ihre Mutter. Ja, natürlich, das ist meine Schwäche, gibt sie zu. Gibt es noch andere Schwächen?, wird sie gefragt. Alles was mich unterhalten könnte, erwiderte sie. Lilium tigrinum C 30 wurde ihr aufgrund folgender Rubriken verordnet:
Am gleichen Tag noch pilgerte die Familie nach Vaishnav Devi und kam nach zehn Tagen zurück. Das Fieber kam zurück, aber ohne große Qual. Die oben. genannten Gemütssymptome wurden nicht mehr beobachtet. Bei ihrem nächsten Besuch bei mir hatte sie eine Laufnase, die fünf Tage anhielt, und das Wechselfieber verschwand für immer. Ebenso sagte ein Junge von 16 Jahren mit Temperatur von 40,6 bis 41° C: Ich habe den starken Wunsch, die Nachbarstadt zu sehen, weil mir so schrecklich langweilig ist.
Diese waren die Rubriken, woraufbin Curare C 30 verordnet wurde, das die Neigung zu Fieber in seinem Fall ausrottete. Ein Fall eines Hausmädchens. Sie war von ihrem Mann getrennt und hatte zwei Kinder, die völlig auf sie angewiesen waren. Da sie häufig MalariaAnfälle bekommen hatte, wurde sie depressiv. Bei hoher Temperatur weinte sie, aus dem Gefühl, daß sie es sich nicht erlauben könnte, so oft krank zu sein. Niemand würde sie für die Zeit ihrer Abwesenheit bezahlen. Dieser Gedanke an ihre Hilflosigkeit machte sie traurig und ließ sie weinen.
Diese Rubriken veranlaßten mich, Stramonium C 30 zu verordnen. Die Dame wurde das Fieber innerhalb weniger Tage los. Es gibt noch viele andere Beispiele wie dieses. Der bloße Gedanke, daß diese Methode MalariaFieber hellt, überzeugte mich von ihrer Uberlegenheit in der Wirksamkeit anderen Methoden gegenüber. Ich fing an, sie auch bei anderen Fällen anzuwenden. Z.B. bei einem Mädchen von 19 Jahren, das immer wieder von qualvollen UrtikariaAnfällen mit hohem Fieber heimgesucht wurde. Zweimal mußte sie wegen der Heftigkeit der Anfälle mit ernster Prognose ins Krankenhaus. Die Ärzte meinten, daß Anfälle dieser Intensität in den kurzen Abständen ihr Leben gefährden könnten. Bei ihrer Fallaufnahme sagte sie, daß sie den Anfall jederzeit erwartet, und daß sie an den betreffenden Tagen ihre Schule wegen der ungerechtfertigten Bemerkungen ihrer Klassenkameraden nicht besuchen mochte. Sie sagte, daß sie keine Lust hätte, ihre Pflichten zu erfüllen, außer dem Saubermachen, was sie für sich reserviert habe. Sie enthüllte, daß sie sich bei diesem Job aus Angst vor Ansteckung auf keinen anderen verlassen könne. Verlangen nach Vergnügen war auch da.
Diese Rubriken veranlaßten mich, Lachesis C 30 zu verordnen. Der Anfall kam mit weniger Intensität und Dauer und dann nie wieder. Dieses in Kürze über die Entwicklung. Die oben erwähnten Ergebnisse brachten mich auf den Gedanken, daß mir ein Meisterschlüssel in die Hände gefallen war. Wie es mit jeder neuen Idee ist, war sie am Anfang unreif und benötigte weitere und stetige Erforschung, um sie zu verbessern. Ich bin nun seit zehn Jahren dabei, und gleichzeitig gebe ich die Ergebnisse meiner Arbeit an meine Schüler weiter. Um sie zu verbreiten, legten wir das Hauptgewicht auf die praktische Ubung. Unserer Erfahrung nach kann man mit dieser Technik die homöopathische Lehre besser verstehen.
Nachdem er diese Entdeckung gemacht hatte, begann er seine Behandlung ganz auf dieses neue Prinzip umzustellen. Dabei machte er weitere Entdeckungen: Er stellte fest, daß bei richtiger Mittelwahl kurz nach der Einnahme des Medikamentes (er begann damals mit der Gabe in der C 30-Potenz aufgeteilt in drei Portionen, die aber im Abstand von 15 Minuten genommen werden mußten) eine sofortige Besserung fast aller Beschwerden auftrat. Diese Besserung trat immer auf, wenn auch manchmal nur sehr kurz. Deutlich war vor allem eine Besserung der Geist-/ Gemütssymptome, die zur Grundlage der Verordnung gedient hatten. Danach beobachtete er verschiedene Verläufe:
Eine Wiederholung des Mittels wurde erst dann notwendig, wenn dieser Verlauf stoppte oder die Krankheit verschlimmert zurückkehrte. Dann wurde auch die Potenz der erneuten einmaligen Gabe erhöht (oder später auch erniedrigt, ein Verfahren, welches er bei Hahnemann gelesen hatte). Sobald sich deutlich Änderungen im Geist-/ Gemütszustand einstellten, wurde der Fall erneut aufgenommen und gegebenenfalls ein anderes Mittel gegeben.
Bei der Auswahl der Symptome für die Mittelwahl verzichtete Sehgal nun auf die gesamten körperlichen Symptome und die sogenannten Modalitäten. Insbesondere suchte er nicht mehr nach den § 153-Symptomen, da er sie nicht mehr benötigte. (Was die § 153-Symptomen sind, darüber möchte ich in einem gesonderten Artikel schreiben.) Er widmete sich nur noch dem Geist-/Gemütszustand des Patienten, beobachtete und studierte ihn eingehendst und suchte dann Ahnlichkeiten bei den Geist-/Gemütssymptomen der Arzneimittel. Dabei war das große Problem seit Anbeginn der Homöopathie:
Wenn wir das schließlich leisten können (was gar nicht so einfach ist!), müssen wir versuchen, die Äußerungen und Handlungsweisen, in denen der Patient seinen Geist-/Gemütszustand zum Ausdruck bringt, in die Symptomensprache zu übersetzen, wie sie die Arzneimittelprüfungen ergeben haben und insbesondere, wie sie dann im Symptomenverzeichnis der Homöopathen ausgedrückt werden, im sogenannten Repertorium. Dort sind sie unter dem Kapitel Geist - Gemüt alle eingetragen. Beispiel Ein Patient sucht mich auf, nicht, um sich behandeln zu lassen (es war im Juni an meinem Urlaubsort), sondern: Ich möchte gerne wissen, ob das gefährlich ist, was ich da habe? Ich wache immer morgens um fünf Uhr auf und dann kribbelt mein linker Arm so schlimm, daß ich aufstehen muß, um ihn zu schütteln. Danach wird es besser und ich lege mich wieder hin und schlafe weiter. Was befürchten Sie? Ob das wohl mit dem Herzen etwas zu tun haben könnte? Die Untersuchung ergibt eine Empfindlichkeit am linken Ellenbogen, die einem sogenannten Tennisellenbogen (Epicondilitis) entspricht. Das ist harmlos aber lästig und man wird es nicht so schnell los, sagte ich ihm. Das genügt mir, eine Behandlung möchte ich nicht, ich wollte nur wissen, ob ich körperlich so hart weiter arbeiten darf. Der Mann baute sich ein Haus und machte alles selbst, war also körperlich schwer am arbeiten, obwohl er gewöhnlich einem Schreibtischberuf nachging.
Ich gab ihm Belladonna in der Gabe C 30 aus der Reiseapotheke, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er eine Behandlung annehmen würde, es sollte ihn auch nichts kosten (es sollte ihn nicht beschweren). Was geben Sie mir denn? Wieder: Verlangen nach Licht! Ich erklärte ihm das Mittel und er sagte: Versuch macht klug, wenn es nichts nützt, so schadet es in dieser Verdünnung sicher auch nicht.. Das führte zu Symptom Nr. 6: Verlangen zu spielen, um Geld. Da ist im Hintergrund immer wieder der Leichtsinn. Alles dreht sich bei Belladonna um diesen Punkt. Man muß hier natürlich sehen, daß es sich hier nicht um ein Spiel um Geld handelt, sondern um das Spiel Man kann etwas gewinnen und man verliert praktisch nichts dabei. Das ist diese Lotterie bei der Medizin. Nach einigen Tagen fragte ich ihn: Na, wie gehts? Ja, das Kribbeln ist ganz verschwunden. Aber etwas Seltsames ist passiert: Ich hatte seit Monaten Durchfall und wußte nicht warum. Ob das am Brot lag? Waren Sie denn beim Arzt? Nein, so schlimm war es auch nicht. Aber das ist nun total verschwunden. Ob das mit Ihrer Medizin zu tun hat? Könnte schon sein! Natürlich war das von Belladonna gekommen, wovon sonst. Nach einem Jahr traf ich ihn wieder und fragte: Wie gehts? Gut, warum? Ja, Sie hatten doch letztes Jahr... Ach ja, stimmt, das hatte ich schon ganz vergessen. Mein erster Fall nach Dr. Sehgal Das war mein erster Fall nach Dr. Sehgal behandelt. Und so versuche ich es seitdem mit allen Patienten, und es macht jetzt wieder richtig Spaß mit der Homöopathie! Nicht bei allen Patienten geht es so schnell und sicher mit der Heilung. Aber vielen Kranken konnte ich seit der Anwendung dieser Methode helfen, wo ich vorher nicht mehr weiter kam. Insbesondere erweitern sich die Möglichkeiten vieler Mittel, die ich vorher nur selten oder gar nicht verordnete, um ein Vielfaches. Viele Außerungen der Patienten gewinnen nun einen unschätzbaren Wert, die ich früher gar nicht als Symptome werten konnte. Im Organon der Heilkunst hat Hahnemann eigentlich die Bedeutung der Geist-/Gemütssymptome bereits in den §§ 210 bis 212 sehr deutlich gemacht. Aber wir konnten vor Sehgals Arbeit diese Symptome nur in einem sehr beschränkten Umfang überhaupt erkennen. Wir können seine Leistung gar nicht hoch genug schätzen, da er den Mut hatte, sich aus der Erstarrung zu lösen, die die Homöopathie nach ihrem 200-jährigen Bestehen ein wenig befallen hatte. Sie ist von Anbeginn eine Welthomöopathie gewesen und alle Nationen haben an ihrer Entwicklung Anteil genommen. So kommen uns nun aus Indien nicht nur Computer-Experten gelegen, sondern auch unsere homöopathischen Kollegen und Kolleginnen, weil auch in ihrem Land dank der dort herrschenden Massen-Armut die Nachfrage nach einer preiswerten Medizin aus der Not die Not-Wende entstehen lassen konnte. In unserer übersatten und zufriedenen Welt hat es die Homöopathie dagegen viel schwerer, denn nur Not macht erfinderisch! Die Bücher Band 1 bis 8 Wiederentdeckung der Homöopathie (in drei Bänden) von Dr. Sehgal sind jetzt noch bis November zum Einführungspreis von ca. DM 290,- bei Eva Lang, Bergstraße 8, 27726 Worpswede, Tel. 047 92/ 4224, direkt zu beziehen.
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