Wie ein homöopathisches Arzneimittel gefunden wird: Mit Chinarinde gegen Malaria begann esvon Dr. med. Jürgen Faust Die Homöopathie ist eine natürliche Therapie. Sie fordert die Selbstheilungskräfte des Menschen heraus. Bei einer Krankheit wird der Organismus durch den Reiz des Arzneimittels zur Mithilfe stimuliert. Jeder einzelne Kranke muß ganz persönlich in seinem Krankheitszustand angesprochen werden. Eine Schematisierung ist bei dieser Art Therapie nicht möglich. Es gibt z. B. kein allgemein anwendbares Anti-Grippe-Mittel, sondern jeder Patient benötigt seine persönliche Arznei. Da Homöopathie als gezielte individuelle Reiztherapie den gesamten Menschen in seiner körperlichen, gefühlsmäßigen und seiner Geistes- bzw. Verstandsebene einbezieht, ist das Finden von Arzneimitteln durch Reihenversuche im Reagenzglas und am Tier nicht möglich.
Er wußte als Arzt, daß man mit Chinarinde Malaria heilen konnte, und ihm fiel auf, daß die Chinarinde in ihm - einem Gesunden also - einen malariaähnlichen Zustand erregt hat. Hahnemann zog nun als Erster den richtigen Schluß, daß eine Substanz, die bei einem Gesunden vorübergehend einen Krankheitszustand hervorrufen kann, einen ähnlichen, echten Krankheitszustand heilen kann (Ähnlichkeitsgesetz). Aus diesem Grunde führte er in den folgenden Jahren weitere Versuche durch. Zuerst an sich, dann mit seinen Familienangehörigen und anderen Ärzten. Er prüfte Substanzen, von Arzneimittelprüfung damals Jeder Prüfer mußte nun genauestens täglich Buch führen über alle Krankheitszeichen, die sich bei ihm eingestellt hatten. Dazu gehörten Symptome der körperlichen Ebene (z. B. Fieber, Husten) ebenso wie solche der Gefühlsebene (z.B. Weinerlichkeit, Depression) und der geistigen Ebene (z. B. verminderte Gedächtnisleistung). Hahnemann als Leiter mußte in mühevoller Kleinarbeit die aufgetretenen Symptome ordnen, aufzeichnen, zusammenstellen und bewerten. Eine schwierige und zugleich verantwortungsvolle Aufgabe, denn von der Aufzeichnung der Arzneimittelprüfung hing ja der Erfolg beim Kranken ab. Das damals gefundene Ähnlichkeitsgesetz - daß Ähnliches Ähnliches heilen möge - bildet zusammen mit der Arzneimittelprüfung bis heute zwei wichtige Grundsteine der Homöopathie. Die Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen fördert die Symptome zutage, die der wirklichen Krankheit ähnlich sind. Durch diese Prüfung sind alle unsere homöopathischen Arzneimittel gefunden worden.
Und heute? Der homöopathische Arzneimittelschatz hat sich mittlerweile beträchtlich erweitert, man zählt etwa 2.000 Arzneimittel. Zum Teil sind diese Arzneimittel hervorragend geprüft, aber eben nicht alle. So konzentriert sich die Arbeit heute zum einen auf die Neuprüfung von Mitteln, um die Symptomatik den Ärzten zugänglich zu machen. Immer wieder suchen und bringen Forscher Arzneien aus Ubersee. Von der dortigen Naturheilmedizin angeregt, erhofft man sich eine heilbringende Wirkung von der homöopathisch potenzierten Zubereitung. Das hört sich sehr positiv an, kann aber leider nicht über eine Schattenseite hinwegtäuschen. Eigentlich müßte die Arbeit wesentlich intensiver vorangetrieben, viel mehr Mittel müßten unter verbesserten Bedingungen geprüft werden. Zwei Faktoren - Zeit und Geld - schränken die Arbeit ein. Die Prüfung in kleinen Gruppen muß meist von idealistischen - schon in einer übervollen homöopathischen Praxis arbeitender - Kollegen in der Freizeit durchgeführt werden. Hier und für die großen Studien fehlt es an Geld. Dabei könnte man sicher mit einem Bruchteil der Geldmittel auskommen, die für die vielen Prüfungen der allopathischen Arzneimittelsubstanzen benötigt werden. Der Vorteil läge klar auf der Hand: Tierversuche wären überflüssig, der Mensch liefe nicht Gefahr, die schädlichen Nebenwirkungen an sich selbst auszutesten, da homöopathische Arzneimittelprüfungen - richtig durchgeführt - vollkommen unschädlich sind. Zum anderen konzentriert sich die Prüfungsarbeit aber auch auf Nachprüfungen bereits geprüfter Substanzen. Dies wird zum Teil in großem Stil angelegt.
Jeder Prüfer muß täglich exakt buchführen über alle Symptome, die er an sich bemerkt hat und das Protokoll anschließend zur Auswertung zurückschicken. Auf diese Weise ist eine nach naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtete Prüfung entwickelt worden, mit der statistisch - mit Hilfe von Computertechnik ausgewertet - ein Wirksamkeitsnachweis geführt werden kann. Bei den bisherigen Prüfungen konnte statistisch signifikant gezeigt werden, daß sich die Arzneimittelgruppe eindeutig gegen die Placebogruppe unterscheidet. Zweitens wurden die alten Prüfungen bestätigt. Die ersten Ergebnisse sind im Archiv für Homöopathische Arzneimittelforschung (Haug-Verlag) über Berberis vulgaris dokumentiert. (Erstveröffentlichung HÖ-aktuell 1/86 + 1/87) |
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